Montag, 3. November 2014

Serge Lutens // Fille en Aiguilles


Serge Lutens ist Magier und Künstler zugleich, so etwas wie ein Dalí der Parfümszene. Die Kreationen des Franzosen sind ganz sicher nicht des allgemeinen Kommerzes geschuldet, und dennoch spricht er eine selten dagewesene Bandbreite an potentiellen Kunden an: seine Düfte macht er für Männer und Frauen, olfaktorische Differenzierungen gänzlich ausgeschlossen. Damit wäre wohl das perfekte Label für die gerade so angesagte Gender Equality und deren Verfechter gefunden, oder? Doch politisches Geplänkel beiseite. Lutens vertritt die These, dass Düfte den individuellen Charakter einer Person annehmen und niemals pauschal verstanden werden dürfen. Er lebt heute übrigens in einem Anwesen in Marrakesch, wo er sich sein persönliches "Paradies für die Sinne" geschaffen hat. Das französische Stilgespür hat auch seine Kreationen geprägt, die Haute Parfümerie dient dem Schöpfer stets als Leitfaden: "Meine Parfums sind weder traditionell, noch revolutionär. Sie sind Ausdruck meiner Persönlichkeit. Ein Parfum ist eine Folge von Akkorden, die von einem selbst kommen. Man muss ein Jahr handwerklich arbeiten, um ein Parfum zu schaffen. Die Zusammenfügung von Essenzen ist etwas Emotionelles. Am Ende steht etwas Zauberhaftes!". Schöner hätte ich es nicht zu sagen vermocht, allein dieser Worte wegen hätte ich wohl schon an einem der Meisterwerke schnuppern müssen.

Fille en Aiguilles ist ein eher einsamer Kandidat in meiner mittlerweile doch recht bescheidenen Duftsammlung. Doch als ich mich für ein Fläschen der Kultmarke entscheiden durfte, war schnell klar, dass es dieses sein muss. Wieso, kann ich eigentlich gar nicht so genau erklären. Vielleicht war es die braune Farbe der Essenz, die mich sofort neugierig machte. Und dann natürlich der Name, der wortwörtlich etwa so viel bedeutet wie "Mädchen in (Tannen)Nadeln". Ich erinnere mich noch immer voller Sehnsucht an meine Kindheitsurlaube in der Provence, die halben Sommerferien habe ich dort jedes Jahr verbracht und nicht selten in einem der wundervollen Pinienwälder gespielt. Der Zauber der Kindheit hat mich unbewusst noch immer voll in der Hand und ich kann mit Stolz behaupten, dass ich absolut dankbar dafür bin. Für die schönste Kindheit, die man sich nur erträumen kann und für all die wunderbaren Erinnerungen, die auf ewig bleiben werden. Tannennadeln, ob nun im Sommer oder ganz traditionell als Weihnachtsklassiker schlechthin, haben sich quasi auf positive Art und Weise in mein Gedächtnis gebrannt. Fille en Aiguilles versucht diese Emotionen olfaktorisch einzufangen. Vetiver, Weihrauch, Lorbeer, Piniennadeln, diverse Gewürze und Trockenfrüchte mögen beim ersten Lesen vielleicht wie die Zutatenliste der sorgfältig ausgewählten Tischdeko an Heilig Abend klingen, davon ist dieses Parfum jedoch weit entfernt.
Noch in keiner Sekunde kam ich mir vor, als sei ich höchstpersönlich das Inventar einer dezemberlichen Baumschule. In der Kopfnote drängen sich vorzugsweise die Trockenfrüchte in den Vordergrund, die zusammen mit dem Vetiver einen angenehmen Auftakt bieten und fast süßlich anmuten. Doch recht schnell entwickelt sich ein holziger, beinahe harziger Unterton, der den Duft im Finalen erwachsen macht. Oft habe ich gelesen, dass er gerade für die kalte Jahreszeit geeignet scheint, was nach logischer Schlussfolgerung sicherlich die erste Konklusion wäre. Aber für mich bedeutet Fille en Aiguilles vor allem dieses Bild: ich befinde mich in Südfrankreich, die brütend heiße Luft macht die Menschen reihenweise fertig und nur der lichtdurchflutete Pinienwald bietet ein Stück weit Schutz vor zu viel Hitze. Als Kind denkt man über solche Banalitäten gar nicht nach, mit euphorischem Entdeckungssinn saugt man alle Eindrücke um sich herum auf, als könnten es die letzten sein. Und genau so sind mir heute noch die Nadelbäume in Erinnerung. Ich liebe sie im Sommer, ich liebe sie im Winter. Für mich brauchen sie keine spezielle Jahreszeit. Es ist ein melancholischer Duft, der mir einen längst vergessenen Lebensabschnitt immer wieder bewusst vor Augen führt und manchmal verliere ich mich gänzlich ihn ihm. In der klaren Wärme, die niemals erdrückend wirkt. An einem schattigen Pläzchen beginnen die Zikaden fröhlich zu singen und der Moment ist vollkommen. Die Zeit bleibt stehen, bis mich die brutale Hektik der Realität wieder ins Jetzt zurückholt. Es ist immer meine Bemühung, in einem Duft ein gewisses Bild zu sinnieren und selten habe ich mich dabei an etwas so Greifbares wie meine Kindheit erinnert gefühlt. Fille en Aiguilles ist kein Parfum im klassischen Sinne, das man aufsprüht, um bloß gut zu riechen. Die zahlreich vertretenen holzigen Facetten werden in jedem eine individuelle Aufmerksamkeit erregen und ganz bestimmt einen bleibenden Eindruck des Zauberhaften hinterlassen.

-could be the fragrance of my childhood-

Kommentare:

  1. Wirklich ein toller Duft - vor allem habe ich jetzt total Lust meinen nächsten Sommer auch in der Provence zu verbringen. Tja ich glaube mein Ägypten Urlaub hat gerade Konkurrenz bekommen :)

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  2. Dein Text entführte mich gerade auch in die Provence. Merci, dass Du uns an dieser wunderschönen Erinnerung teilhaben lässt <3

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