Donnerstag, 23. Juli 2015

Reading List // "Winternähe" von Mirna Funk + Gewinnspiel





 via mirnafunk.com

Obwohl es hier sonst eher um mehr oder minder seichte Unterhaltungsthemen der Frauenwelt geht, liegt mir dieser Beitrag ganz besonders am Herzen. Ich studiere Kulturwissenschaften mit Fokus auf Literaturgeschichte und liebe nichts mehr, als meine Zeit offline mit einem guten Buch und einer Tasse Milchkaffee zu verbringen. Das finde ich herrlich entspannend und wenn ich ehrlich bin, ist dieses Ritual eines der wenigen, das mich in dieser stressigen Welt tatsächlich noch nachhaltig runterbringen kann. Über manche Bücher stolpere ich zufällig, andere stehen auf meiner Uni-Leseliste und wieder andere erwarte ich ganz gespannt. "Winternähe", der Debütroman von Mirna Funk, zählt zu letzteren. Es war ein besonderes Erlebnis, als ich die sympathische Berlinerin mit jüdischen Wurzeln letztes Jahr im April in ihrer Heimatstadt treffen durfte. Es gibt Menschen, die mit solch einer unfassbar starken Aura gesegnet sind, dass sie jeden binnen Sekunden in ihren Bann ziehen können. Für mich ist Mirna so eine Person und das liegt nicht nur an ihren grünen Katzenaugen. Sie arbeitet als Journalistin, setzt sich dafür mit kritischen Gesellschaftsproblemen auseinander, machte letztes Jahr ihren Bachelor in Philosophie (einfach weil sie Lust drauf hatte) und wohnt seit Sommer 2014 in Tel Aviv. Eine echte Powerfrau also, die ich bewundere. Denn Mirna hat sich in einer Zeit für den Umzug nach Israel entschieden, als dort Krieg herrschte. Auch Lola, die Protagonistin ihres Debütromanes "Winternähe", erlebt Iron Dome und den Gazakonflikt live vor Ort. Eine Geschichte, die von Alltagssemitismus, der Diskussion um Juden und Nichtjuden und der Frage nach der Schuld handelt. Dabei schreibt die Autorin so herrlich eloquent und unterhaltsam über diese ernste Thematik, dass ich noch ewig hätte weiterlesen können. Ein Buch, das zur Selbstreflexion animiert und noch vor dem offiziellen Erscheinungsdatum (das ist nämlich heute!) mit dem Uwe Johnson-Förderpreis ausgezeichnet wurde. Anlässlich des heutigen Launches stand mir Mirna Funk Rede und Antwort:


Foto: Naama Alex Levy

1. Liebe Mirna, Du bist letzten Sommer nach Tel Aviv ausgewandert. Die Stadt spielt ja auch in Deinem Roman "Winternähe" eine bedeutende Rolle. War das schon immer ein Traum von Dir oder eher eine Spontanaktion?

Ich komme seit über 20 Jahren nach Tel Aviv, weil dort ein Teil meiner Familie lebt. Mittlerweile habe ich natürlich auch Freunde hier. Nach so einer langen Zeit gehört eine Stadt irgendwann zum eigenen Leben. Letzten Sommer bin ich eigentlich nur nach Tel Aviv gereist, um das Tel-Aviv-Kapitel für Winternähe zu schreiben. Dass ich bleiben würde, war nie geplant. Aber ein Krieg verändert einen auf eine grundlegende Weise. Und dieser Gaza-Krieg 2014 hat mich verändert.


2. Erzähl uns ein bisschen was zur Entstehungsgeschichte des Romans - wie bist Du eigentlich auf die Idee gekommen ein eigenes Buch zu schreiben? Und mit welchen Hürden wurdest Du konfrontiert?

Winternähe ist eigentlich schon mein drittes Buch. 2010 habe ich eine Art Sammelband mit Kurzgeschichten geschrieben und 2011 meinen ersten Roman. Nachdem dieser fertig war, fand ich ihn so schlecht, dass ich damit nie wieder etwas zu tun habe wollte. 280 Seiten für die Katz, dachte ich damals. Heute weiß ich, dass ich durch diesen ersten Roman, der in der Schublade verschwunden ist, das Romanschreiben gelernt habe. Letzten März bin ich nach Thailand geflogen. Alleine. Auf eine kleine Insel. Ich hatte zwei Wochen zuvor den „Barbiefeminismus“-Artikel im Freitag veröffentlicht, was ein bisschen Theater im Netz gab. Ich habe nervige Leserbriefe bekommen und gemeine Emails. Dann hatte ich nur noch Magenschmerzen, habe einen Flug gebucht und bin eben nach Thailand abgehauen. Dort angekommen, wollte ich etwas machen, das ich immer mochte, nämlich Kurzgeschichten schreiben. Drei Jahre hatte ich nichts literarisches mehr geschaffen, weil ich nach dem ersten Roman dachte, okay, das ist nicht dein Metier, dafür kannst du andere Sachen besser. Am vierten oder fünften Tag meines Inselaufenthalts setzte ich mich an meinen Rechner und fing eine Kurzgeschichte an, die aber kein zufriedenstellendes Ende fand. In diesem Moment wurde mir klar, dass dort ein Roman geschrieben werden will. Ich begann, die einzelnen Kapitel zu strukturieren und die Protagonisten zu entwickeln. In diesen sechs Wochen in Thailand schrieb ich die ersten 50 Seiten und entwarf quasi den gesamten Roman. So wie er heute in Buchform erschienen ist, wurde er von mir im März 2014 konzipiert. Dann bin ich zurück nach Berlin und schrieb weiter, dann nach Tel Aviv und abschließend im November noch einmal nach Thailand für das Ende. Hürden gab es keine. Die einzige Hürde ist man selbst. Ein Roman, also 460 Seiten (so viele hatte er eigentlich) schreiben sich nicht allein. Das bedeutet eiserne Disziplin. Man wacht von 300 Tagen 280 auf und will keine Zeile schreiben. In diesen Augenblicken geht es darum, sich zusammenzureißen und weiterzumachen, auch wenn man überhaupt keinen Bock hat. Auf Muße braucht man nicht warten. Die kommt mit dem Schreiben selbst.


3. Im Roman wächst die Protagonistin Lola zwischen Berlin und Tel Aviv auf. Trägt die Figur autobiografische Züge?

Es gibt autobiografische Züge, aber Lolas Geschichte ist nicht meine Geschichte. Meine Mutter ist in keinem Kinderheim groß geworden und ich bin nicht bei meinen Großeltern aufgewachsen. Meine Großmutter wurde während des Krieges in Frankreich und der Schweiz versteckt, Lolas Großmutter überlebte das Konzentrationslager Dachau. Mein Vater kennt seinen leiblichen Vater im Gegensatz zu Lolas Vater Simon. Mein Großvater lebt nicht in Tel Aviv und Shlomo, Lolas Geliebter, gibt es auch nicht. Ich selbst bin noch nie jemandem begegnet, der einen Menschen auf dem Gewissen hat und auf der Beerdigung des palästinensischen Jungen Mohammed Abu Khdeir, der letztes Jahr ermordet wurde, war ich auch nicht. Damit fallen schon mal 80% des Romans weg, weil diese Familien- und auch Liebesgeschichte, die eben nicht meine ist, quasi das Buch trägt. Was autobiografisch ist, und das habe ich mit Absicht so gemacht, sind alle antisemitischen Übergriffe, die Lola erlebt. All das habe auch ich erlebt. Dazu kommt, dass ich wie Lola in der DDR aufgewachsen bin und mein Vater Jude, meine Mutter aber keine Jüdin ist. Diese Zerrissenheit, die auch Lola erlebt, ist definitiv autobiografisch.


4. Auch Du hast jüdische Wurzeln. Was nervt Dich in Deutschland am meisten, wenn es um die Themen Israel, Judentum und die dort vorherrschende Konfliktsituation geht? Wo siehst Du aufklärerischen Handlungsbedarf?

Mich nervt am meisten dieses schreckliche Halbwissen. Mir ging es im Roman darum, zu zeigen, wie schwierig es ist, eine allgemeingültige Wahrheit über diesen Konflikt zu finden. Ich habe mit Absicht alle möglichen Perspektiven auf die unterschiedlichen Protagonisten übertragen, so dass sich der Leser ständig selbst infrage stellen muss. Gerade hat er noch Shlomo unterstützt und findet richtig, was er sagt und im nächsten Moment fühlt er sich Lolas` Großvater Gershom extrem nah und kann seine Ansichten teilen. Mir ging es und geht es vor allem, um einen offenen Umgang mit dem Thema, und um das Vermeiden von Schwarz-Weiß-Denken, das im Falle des Israel-Palästinensischen-Konfliktes wirklich überhaupt nicht angebracht ist. Dazu ist das Thema zu komplex. Wenn ich mir also erstmal dieser Komplexität bewusst werde, höre ich vielleicht auf, diesen Konflikt mit irgendwelchem Halbwissen erklären zu wollen. Jedenfalls ist das meine Hoffnung.


5. Was liebst Du speziell an Tel Aviv? Und wenn Du dich entscheiden müsstest - Deutschland oder Israel?

Die Wärme, die Sonne, das Meer. Die Geschichte. Diese unfassbare Jahrtausende alte Geschichte. Das sind Dinge, die ich an Tel Aviv, aber eben auch an Israel liebe. Entscheiden kann ich mich nicht. Das muss ich heutzutage auch gar nicht mehr. Ich lebe zwischen Berlin und Tel Aviv und genau so soll es erstmal die nächsten Jahre bleiben.


6. Der Roman thematisiert ein ernstes Thema, liest sich dabei aber herrlich eloquent und modern. Wenn Du es dir aussuchen könntest: was sollen die Leser aus der Geschichte mitnehmen?

Es gibt zwei wesentliche Dinge, die mir wichtig waren. Erstens: Geschichte ist nicht abgeschlossen. Gegenwart und Zukunft sind nichts weiter als langgezogene Vergangenheit. Wir alle sind durch unsere eigene Geschichte oder eben eine Nationalgeschichte geprägt. Dies verändert unser Leben nachhaltig. Der Erzähler sagt in der Mitte des Buches über Shlomo: „He is bleeding history“, aber eigentlich blutet aus allen Protagonisten des Romans, ja aus allen Menschen, mir, dir und jedem, der gerade dieses Interview liest, Geschichte. Das zu verstehen, ist ungeheuer wichtig, weil es verbindend und auch irgendwie heilend wirkt. Zweitens war mir wichtig Pluralismus zu veranschaulichen, und das durch die einzelnen Protagonisten. Sie haben alle ihre eigene Position, der man manchmal zustimmen kann und die man manchmal ablehnen muss. Das bedeutet, dass auch unsere eigene Position gegenüber Dingen pluralistisch ist. Man kann eine eigene Meinung oder Position haben, aber man muss die Position des Gegenübers anerkennen. Heutzutage fällt mir zusehens auf, wie andere Positionen überhaupt nicht mehr anerkannt werden. Du bist nicht meiner Meinung, also bist du scheiße. Das ist doch schrecklich. Dabei müssen wir uns doch auch selbst ständig revidieren. Damit meine ich nicht, ein Fähnchen im Wind sein. Man soll schon eine klare Position vertreten im Leben, aber gleichzeitig offen bleiben – für den Anderen, für Veränderung, für Positionenwechsel.


7. Und last but not least - planst Du der Literaturwelt erhalten zu bleiben, vielleicht sogar mit einer Fortsetzung von "Winternähe“?

Eine Fortsetzung wird es nicht geben, aber ich arbeite gerade an meinem nächsten Roman. Der Prolog ist fertig, die Protagonisten stehen, der Plot auch. Jetzt brauche ich nur noch die nötige Disziplin.


Gewinnspiel

Und auch Ihr sollt nicht leer ausgehen! Zusammen mit Mirna Funk verlose ich ein signiertes Exemplar von "Winternähe". Einfach bis zum 31.7.2015 unter diesem Post einen Kommentar mit Name und Mailadresse hinterlassen (gerne auch die Facebook-Page liken) und Daumen drücken. Für alle die nicht mehr so lange warten wollen, gibt es den Roman auch bei Amazon oder direkt über den Fischer Verlag zu bestellen.

Kommentare:

  1. Das hört sich nach einem ganz besonderen Schatz an. Danke für das Interview. Ich hab das Buch mal auf meine Wunschliste gegeben, für den Fall, dass ich nicht gewinne ;-)
    barbara.oellerer@gmail.com

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  2. Oh, das Buch hört sic wirklich interessant an, das würde ich gerne lesen und möchte somit auch am Gewinnspiel teilnehmen.
    Meine E-Mailadresse: Stinkenpaul92[at]yahoo.de

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  3. ...ich möchte schon lange genau dieses Buch lesen umso schöner das du darüber schreibst. Ich würde mich sehr freuen und bin gespannt ob´s klappt...
    lucywinkler@web.de

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  4. Ich habe schon lange und gespannt auf die Veröffentlichung dieses Buchs gewartet, weswegen würde ich mich sehr freuen ein Exemplar gewinnen zu können und mein Glück hiermit versuche :) Kristina
    Mail: chruesimuesi@riseup.net

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  5. bin gerne bei Verlosung dieses Buches dabei

    Sofie
    ssambo@web.de

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  6. Wow, sie hat wirklich eine Ausstrahlung, sie wirkt irgendwie..weise.
    Ihr Buch klingt wirklich interessant, vielleicht bekomme ich ja die Chance, es durch das Gewinnspiel zu lesen.
    choconistin@gmail.com
    choconistin

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  7. Das klingt sehr interessant, das Thema bewegt mich sehr... kulturtagebuch(at)yahoo.de

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  8. Ich kann mich da nur anschließen, klingt wirklich interessant. Alleine das Cover ist ja ein wahres Kunstwerk :)
    Liebe Grüße, Bettina
    betty5[at]gmx.at

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  9. Das Buch klingt wahnsinnig spannend. Ich würde mich als Leseratte riesig darüber freuen :) aenne236(at)aol.com

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